Kostbares Wasser… Navrongo, I miss you!

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Author of this post:

SFS* Board Member Kathrin

 

Accra

Die einmalige Chance, Ghana im Rahmen des Sozialeinsatzes meiner Tochter Tamara, besuchen zu können, wollte und konnte ich mir nicht entgehen lassen.
So bestiegen wir im Herbst 2014 das Flugzeug Richtung Accra.
Nach einer fröhlichen und ausgelassenen Begrüssung von Tamara, Gordon und Richard am Flughafen schlug uns auch schon die grosse Hitze entgegen. Für mich ein Segen🙂

Wir verbrachten zuerst ein paar Tage in Accra, dem administrativen und wirtschaftlichen Zentrum von Ghana. Auffallend ist hier der grosse Verkehr auf schlechten aber breiten Strassen. Unaufhaltsam und rücksichtslos rasen die Autos an einem vorbei. Fussgänger haben sich hier einzuordnen. Auf „unpräparierten“, schmalen Trottoirs bewegt man sich zu Fuss fort, springt zwischen den Autos im Eiltempo über die Strassen weil Ampeln selten zu sehen sind. Umgebaute, vom reichen Westen aussortierte VW-Busse, dienen als Sammeltaxis. Äusserst günstig ist es so möglich, jedes Ziel zu erreichen, sofern man denn auch weiss, auf welcher Strecke sich das Ziel befindet. Die Kassierer in den Bussen rufen im Vorbeifahren laut die anvisierte Richtung und beobachten aufmerksam, ob sich ein Passant per Handzeichen zur Mitfahrt meldet… Zum Glück hatten wir unsere, schon fast heimische, Tamara dabei. Sicher und gekonnt hat sie uns an alle Ziele geführt.

Busfahrt von Accra nach Navrongo

Nach diesen kurzen eindrücklichen Tagen hiess unser Ziel: Navrongo! Das liegt hoch im Norden von Ghana, praktisch direkt an der Grenze zu Burkina Faso. Ich bestand darauf mit dem Bus zu reisen um auch etwas von der Landschaft quer durch Ghana mitnehmen zu können. Es hielten mich alle für verrückt. Dass ich eine 15-stündige Busreise einem 30-Min.-Flug vorziehe, konnte niemand wirklich verstehen. Aber sie erfüllten mir meinem Wunsch und nahmen die damit zusammenhängenden Strapazen auf sich.

Doch diese beginnen hier nicht erst im Bus. Hier ruft man nicht eine Telefonnummer an und reserviert Sitzplätze für die Busfahrt. Nein, hier in Accra, läuft man einen ganzen Tag an der brütenden Hitze durch Strassen, durch sandiges Nirgendwo, auf der Suche nach einer Busticket-Verkaufsstelle für einen der Busse die mehrmals wöchentlich Richtung Norden fahren.

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Nachdem unsere erste Anlaufstelle uns abwies mit der Aussage „wir fahren nicht mehr in dieser Woche“, die zweite uns mitteilte, „wir fahren erst in 3 Tagen wieder“ und uns bei der dritten die Busse viel zu alt und unkomfortabel erschienen, haben wir an der vierten Stelle erschöpft und ausgetrocknet die Tickets gekauft, obwohl eine Tagesfahrt nicht im Angebot stand. Im Wissen, dass wir so mit dem Flugzeug besser „bedient“ gewesen wären, stimmten wir doch alle dieser Variante zu und wir nahmen die Nachtfahrt in Angriff. Die Busse machten einen relativ modernen Eindruck.

 

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Tja…. es war eine Tortur. Ein voll besetzter Bus mit unverhältnismässig viel Gepäck. Keine Toilette an Bord und ein Fernseher, der uns auf maximaler Lautstärke die ganze Nacht die Augen offenhalten liess.
Nichtsdestotrotz möchte ich diese Erfahrung nicht missen und ich bin dankbar für jede einzelne Minute in diesem Bus, unter Einheimischen, mit regem Getreibe die ganze Nacht hindurch.

Navrongo

Navrongo! Der Temperaturunterschied zu Accra ist auffallend. Eine noch grössere Hitze schlug uns entgegen! „Des Einen Leid, des Anderen Freud“. Mich freut’s J Diese sandige, brütende Landschaft erfreut meine Schweizer-Wetter-Seele.

Navrongo. Mitten im Nirgendwo. So hat es sich für mich angefühlt.

 

Strahlend stand dann das Haus von Gordon vor mir (rechts). Das Haus sticht mit einem eher westlichen Bau unter den vielen Lehmhäusern hervor. Es verfügt sogar über Elektrizität! Doch: es gibt kein fliessendes Wasser. Das Wasser lässt man sich 2-3x wöchentlich liefern für ca. 2 CHF. Das Liefer-Auto fährt vor und viele Helfer eilen zu Hilfe. Mit Kübeln und anderen Gefässen wurden nun, mittels unzähligen Gängen von Auto zu Tonne, die Tonnen im Haus gefüllt. Eine in der Küche, eine im Bad. Das Bad ist mehr oder weniger eine Attrappe. Es gibt eine Toilette mit Spülkasten und ein Lavabo mit den üblichen Sanitärvorrichtungen, wie Wasserhahn etc. Doch es gibt keine Wasser-Zuleitung. So bleibt der Spülkasten leer und aus den Wasserhähnen kann kein einziger Tropfen heraus gezwungen werden.
Die Toilette zu spülen empfindet man plötzlich als Luxus, wenn man erkennt, wie viel Wasser in einen Spülkasten passt und wie stark der Wasservorrat in der Tonne, wegen nur einer einzigen Spülung, schwindet.
Der Dusche geht’s wie den Wasserhähnen. Ausgetrocknet steht sie da. Duschen heisst hier: mit einem kleinen Kessel nass machen, einseifen, abspülen, fertig. Für’s Zähneputzen nutzt man dann gekauftes Wasser. Das gibt’s überall zu kaufen. In Pet-Flaschen oder kleinen Plastiksäckchen. Erstaunlich günstig für unsere Verhältnisse, ein halber Liter kostet etwas mehr als 5 Rappen.

Ich fand dies alles sehr abenteuerlich und habe mich mit Begeisterung auf das Ganze eingelassen.

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Etwas befremdet haben mich die Begegnungen mit all der ausgesteuerten Ware aus unseren reichen Breitengraden. Von uns entsorgter Elektroschrott und weggeworfene Kleidung werden hier zum Verkauf angeboten. Kühlschränke, welche an Ecken und Kanten rosten und im Gebrauch Wasser verlieren. Stücke aus europäischen Kleidersammlungen mit dem eindeutigen Indiz durch Aufschriften wie „Grümpi Turgi“ oder „Brauhaus Frauenfeld“ etc.
Von uns entsorgt und hier ein Luxus-Artikel…..

Während diesen kostbaren und einzigartigen Tagen in Navrongo durfte ich Tamara beim Unterrichten unterstützen, mit ihr zusammen das von der CBS betriebene Internet-Café betreuen und sie auf allen Gängen, die ihr Praktikum mit sich brachten, begleiten.

Ich habe mich wohl gefühlt, wie seit langem nicht mehr.

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Ich wollte mir ein Stück „Navrongo“ mitnehmen, zurück in meinen Alltag in der Schweiz. Ein Stück von dieser Fröhlichkeit und Ausgelassenheit. Ein Stück von der gegenseitigen und selbstverständlichen Unterstützung. Ein Stück Herzlichkeit. Ein Stück Bescheidenheit. Ein Stück dieser offenen Kommunikation. Weniger Zeitdruck. Weniger Hektik. Weniger Oberflächlichkeit. Einfach das Leben tatsächlich leben.

Ps.: Navrongo, I miss you

 

*SFS: SFS stands for “Sono Foundation Switzerland”. SFS is a friend’s association to CBS Navrongo and supports the project with technical advice as well as financially. Also, SFS coordinates the volunteer programme and mentors volunteers before, during and after their stay in Navrongo.

 

 

 

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